Liebe Leserinnen und Leser,
in diesem Jahr fiel es mir schwer. Da stand er vor mir. Traurig und ohne Energie mehr in seinen Adern. Mich packte schon seit ein paar Tagen immer wieder ein solches Mitleid, aber ich wollte kein Abschied nehmen. Als aber nun immer mal wieder ein „Klirr“ aus dem Wohnzimmer zu hören war, wurde klar: Unser Tannenbaum muss nun gehen. Seine Nadeln waren schon eine ganze Zeit nicht mehr grün und nur mühsam hielt er an ihnen fest. Die Äste hingen nach unten und Stück für Stück rutschten die Kugeln und Figuren hinunter.
In diesem Jahr war das schwer für mich. Ich kann ahnen, warum. Es war ein Mix aus vielem. Aber generell fällt es mir im Januar nicht leicht, unseren Weihnachtsbaum zu entschmücken und dann nach draußen zu tragen. Das mache ich meist immer allein. Zelebriere es ein wenig. Nehme Abschied von einer Zeit, die in meinen Erinnerungen und Gefühlen immer ganz dicht und warm ist.
Die erste Kugel ist meist die schwerste. Irgendwie so, wie es im Leben auch mit Abschieden ist. Der erste Schritt ist der, der am meisten weh tut. Und mit jeder Kugel, die wieder in den Karton kommt, stellt sich ein wenig mehr Routine ein, wenngleich das Gefühl des Abschieds bleibt. Zuletzt nehme ich dann meine beiden Herzen ab, die jedes Jahr an der Spitze hängen.
Und so stand er auch dieses Jahr da – ohne Schmuck. Fast ein Trauerspiel. Und ich nahm mir einen Moment Zeit und schaute ihn an. Schmunzelte darüber, wie dieser eine Ast so gar nicht ins Bild eines perfekten Baumes passen wollte. Strich noch einmal über die Nadeln, die sich nun hart und gekrümmt anfühlten. Atmete durch und sagte: So, nun ist es Zeit. Es war so schön mit dir. Danke dir.
Und ich stellte ihn auf die Terrasse, wo er auch heute noch steht. Noch kann er dort für ein paar Tage bleiben und den frischen Schnee tragen.
Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie, wenn ihr, liebe Leserinnen und Leser, jetzt denkt, dass ich diese Tannenbaum-Sache ein bisschen zu ernst nehmen würde. Schließlich ist ein Weihnachtsbaum nicht mehr als ein Deko-Element, das die Weihnachtszeit in ein warmes Licht setzen soll. Und ja, auch ich schmunzle im Nachhinein über meine „Dramatik“ des Abschieds vom Tannenbaum. Aber wie so oft, steht der Baum nicht einfach für sich. War er zugleich doch auch ein Sinnbild für mich.
Wenn ich heute aus meinem Fenster schaue und den Baum mit einer Schneemütze stehen sehe, dann rühren mich die Worte der Jahreslosung für 2026 an. Sie stehen im Buch der Offenbarung und lauten: „Siehe, ich mache alles neu.“ (Offb 21,5)
Gott spricht dort nicht von einem plötzlichen, radikalen Schnitt, von jetzt auf gleich, von: Alles Alte raus, alles Neue rein. Sondern von einem Weg, den er mit uns geht. Mit Geduld. Mit Zuwendung. Mit einem liebevollen Blick auf das, was war – und auf das, was werden kann.
Und ich überlegen, ob Gott es vielleicht ein bisschen so macht, wie ich mit meinem Tannenbaum. Er reißt ihn nicht rabiat aus dem Haus und wirft ihn achtlos hinaus. Sondern er weiß, wie sehr wir an manchen Dingen hängen. Wie schmerzhaft Abschiede sein können. Wie viel Herz an dem hängt, was eigentlich schon keine Kraft mehr hat. Und deshalb schafft er Raum für Neues nicht mit Gewalt, sondern Stück für Stück. Kugel für Kugel. Erinnerung für Erinnerung. Träne für Träne. Und immer mit diesem leisen Zuspruch: Es war gut. Und jetzt darf etwas anderes wachsen.
„Siehe, ich mache alles neu.“ – das ist für mich kein lauter Paukenschlag, sondern eher ein leiser, aber verlässlicher Takt. Einer, der sagt: Du musst nicht alles auf einmal schaffen. Du darfst trauern über das, was geht. Und du darfst hoffen auf das, was kommt. Beides hat bei mir Platz.
So wird im Wohnzimmer Platz für Neues, Gutes. Und so wird auch im eigenen Leben Platz für Neues, Gutes. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber Schritt für Schritt. Mit Gottes Geduld und seinem liebevollen Blick auf uns.
Und vielleicht steht ja auch bei Ihnen oder bei dir noch irgendwo ein „Tannenbaum-Moment“: etwas, das eigentlich gehen darf, aber noch einen letzten Schneetag braucht. Dann sei gewiss: Gott drängt nicht. Aber er geht mit. Und während wir noch Abschied nehmen, beginnt er schon, Neues vorzubereiten.
Bleibt behütet!
Ihre und eure Sina Schumacher